Über mich

Kurzvita Mariam Kurth

 

1976 in Halle an der Saale geboren, ist Mariam Kurth Tochter zweier Ärzte, eines arabischen Vaters aus Atbara im Sudan und einer deutschen Mutter aus dem Dorf Trebnitz in der DDR. Da ihr Vater nicht in der DDR bleiben durfte, war die Familie gezwungen, den Heimatort zu verlassen und fand ihr neues Zuhause in NRW. So verbrachte Mariam Kurth ihre Schulzeit im Ruhrgebiet der achtziger Jahre. Nach ihrem Abitur entschied sie sich für ein Schauspielstudium in Berlin, das sie 1998 erfolgreich abschloss. Seitdem arbeitet sie als Film- und Theaterschauspielerin.

 

Ihre Neugier, Menschen und deren Motivationen zu ergründen, lässt sie auch außerhalb der Film- und Theaterollen nicht los. So setzt sie sich in ihren humorvollen Erzählungen mit dem Suchen und Werden zwischen den Kulturen ihrer Herkunft auseinander, mit den Spannungen des Unterbewusstseins, aber auch mit den aberwitzigen Lösungen, die uns das Leben so anbietet.

 

- “Rote Schuhe” ist ihre erste Veröffentlichung im dtv.

- "Magdalenas Weg in die Hörigkeit" Tei 1 und 2 Veröffentlichung im   

                                                                                   Augenscheinverlag.

                                                                                  - Diverse Hypnosen/Traumreisen Veröffentlichung im

                                                                                    Augenscheinverlag

                                                                                  - Ausschnitte aus den Erzählungen "Tod eines Nachbarn",

                                                                                   "Portugiesische Brotsuppe" und "Moribund auf allen Ebenen"

                                                                                    ausgestrahlt im Deutschlandfunk.                                              

 

Meine Leidenschaft ist das Reisen.

Unterwegs lasse ich mich inspierieren und begeistern von allem was dieser wunderschöne Planet mir schenkt.

Bisher konnte ich in die Kultur von 44 Ländern auf vier Kontinenten eintauchen. Die Vielfältigkeit des Lebens ist
meine Inspiration.

 

Fotos und Geschichten zu meinen Reisen

Sudan 2020

Wurzeln

 

Seit fünf Tagen habe ich das Haus nicht mehr verlassen.

 

Jetzt machen wir einen Ausflug.

 

Die Luft streicht meine Wangen. Wenn ich den Kopf zum Fenster des Autos neige, tanzen die Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Alles fliegt. Häuser, Menschen, Felder. Auch Ziegenherden, Hunde und Eselkarren ziehen vorbei. Die Eindrücke liebkosen meine Seele. Sie öffnet sich und mit den äußeren Bildern tauchen auf einmal auch innere auf.

 

Ich sehe Opa. Wie er auf einem Motorrad sitzt und durch die Landschaft fährt. In den 70ger Jahren in Deutschland. Es ist Sommer und nieselt. Der Wind pfeift um seinen Helm. Wolken hängen über den Feldern und Wiesen entlang der Landstraße. Alles ist satt und grün. Opa fährt im Ledermantel, der ihn vorm Regen schützt, von Dorf zu Dorf, um seine Arbeit zu machen.

 

Hier flirrt die Luft und obwohl der Boden sandig und das, was auf den Feldern wächst, dürftig ist, erscheint es mir bunt und voll Leben.

 

Opa fährt dem Abend entgegen. Der Regen hat aufgehört. Die Luft ist nun klar, nur die Felder und Wiesen dampfen. Der Himmel bricht auf und im Rot der untergehenden Sonne fährt er die Dorfstraße hinein. In der Mitte des Ortes steht eine Linde. Dort biegt er links ab, holpert mit den Rädern über das Pflaster der Straße, weicht den Schlaglöchern aus und stoppt am Haus. Er hupt. Oma zieht das Hoftor nach innen und schließt es wieder, nachdem Opa hinein gefahren ist.

 

Auch hier kommen wir jetzt am Hoftor an. Und auch hier sind wir Schlaglöchern ausgewichen und nachdem wir von der geteerten Hauptstraße abgebogen sind, über Unebenheiten geholpert. Anstelle von Kopfsteinpflaster aber ist es hier rotgelbe Erde.

Obwohl wir uns in der arabischen Stadt Khartoum befinden, der Hauptstadt des Landes Sudan, erinnert es mich an mein Heimatdorf in der DDR.

 

Denn auch wir hupen und das Tor öffnet sich für uns.

Und auch hier bin ich willkommen.

 

Wurzeln © 2020 Mariam Kurth. Alle Rechte vorbehalten.

 

 

 

Fotos aus den Jahren 2016/2019/2020

 

 

Laos 2018

Big Brother Mouse

ist die Geschichte, wie ein Land zum Lesen kam. Ein Land, dass kaum Bücher hatte, in denen Geschichten erzählt wurden.

...Dies ist die Geschichte, wie wir Laos von einem Land, in dem die Menschen nicht lesen, in eines verwandeln, das Bücher liebt.Die Geschichte beginnt im Jahre 1983, in Khone Kham, einem Dorf rund 50 Kilometer von Luang Prabang entfernt. In diesem Jahr wurde dort ein kleiner Junge namens Khamla geboren. Mit acht Jahren kam er in die Schule und war damit der erste in seiner Familie, der Lesen lernte. Als er 12 Jahre alt war, entschied Khamlas Familie, dass er als so fleissiger und kluger Junge nach Luang Prabang gehen solle, um als Mönchs-Novize in der Tempelschule eine bessere Bildung zu bekommen. Er unternahm die Reise – mit dem Boot, denn zu dieser Zeit gab es dort noch keine Strasse. Die Reise dauerte sechs Stunden und er sah seine Familie danach neun Monate nicht mehr. „Zuerst war ich sehr unglücklich und hatte Heimweh, und manchmal weinte ich auch“, erinnert sich Khamla. Doch schon bald konnte er das Novizen-Leben geniessen, und heute hat er viele schöne Erinnerungen an diese Zeit. Manchmal sah Khamla Touristen in Luang Prabang. Viele von ihnen lasen Bücher, wenn sie gerade nichts anderes unternahmen. „Warum tun die das, wenn sie doch Urlaub haben?“ wunderte sich Khamla, dessen einzige Erfahrung mit Büchern die war, dass er ein paar davon in der Schule lesen musste – und die waren alle zerfleddert und vor allem öde. Doch Khamla hatte keinen Zugang zu anderen Büchern in seiner Sprache, und so sollte er die Antwort auf seine Frage erst Jahre später erfahren... (Auszug aus der Entstehungsgeschichte von Big Brother Mouse)

 

Wenn Ihr helfen wollt, dass Kinder in Laos lesen und schreiben lernen, dann unterstützt

Big Brother Mouse

 

Ich war selber dort, habe an der Schule Englisch unterrichtet, Bücher in abgelegenen Dörfern verteilt und mir ist das Herz aufgegangen.

Danke

Vietnam 2018

Patagonien 2013

Marokko 2012

Portugiesische Brotsuppe
oder
Wahrhaftigkeit ist nicht immer bekömmlich.

Das Meer betört meine Ohren. Auf der Suche nach Authentizität bin ich
diesmal zum Atlantik gereist.
Nun starre ich auf die Teller meiner neu gewonnenen portugiesischen
Freunde. Meeresgetier. In bunter Fülle. Es duftet. Der Thunfisch ist hier ein Steak. Nicht aus der Dose, wie ich ihn kenne.
Warum habe ich mich nicht überreden lassen?!

Thuna, das wäre doch auch

was gewesen. Krebse, so rot wie die untergehende Sonne. Aber nein, ich
wollte ja Authentizität.
Was hat Brotsuppe mit Authentizität zu tun, frage ich mich und steche
in das darauf liegende gelb-schlierende Dotter.
Die Membran platzt, aber nichts tut sich.
Alle wünschen sich guten Appetit. Ich wünschte ich wär bei Mac
Donalds.
Ich stelle mir vor, es sei Linsensuppe. Die mag ich und die sieht auch
aus wie Kacke.
Mit Essig und Zucker sogar ein Gedicht. Aber außer Oliven und Brot
steht nichts zum Verfeinern auf dem Tisch. Warum auch? Die Gerichte
reichen vollkommen.
Die braune Pampe vor mir wirft Blasen. Obendrauf glibbert das Ei - wie
das Auge einer marokkanischen Ziege.
In der Wüste hinter dem Atlasgebirge hatte ich schon einmal so ein
Vergnügen gehabt, erinnere ich mich und rühre lustlos den Löffel durch
die Luft. Damals war es ein Gastgeschenk. Zu meinen Ehren! Hätte es
mich nur nicht so angesehen. Lächelnd hatte ich das Würgen unterdrückt
und mir die Kugel zwischen die Lippen geschoben. Es hatte ewig
gedauert, bis ich die Sehnen durchhatte. Seitdem scheiße ich auf die
Ehre. Nur um diese zu retten, waren schon ganze Völker übereinander
hergefallen.
Aber nun gut, ich hatte es ja überstanden.
Ein neuer Urlaub ist eine neue Chance, hatte ich mir gedacht und war
durch das Land am westlichsten Zipfel Kontinentaleuropas gereist.
Und jetzt liegt die Erinnerung vor mir, auf meinem Teller, blubbert
ekelerregend hoch, an einem Tisch umringt von lachenden Portugiesen.
Und ich? Bin erneut freundlich, höflich und mache gute Miene zu bösem
Spiel. Habe es wiedereinmal selbst verschuldet - das Offensichtliche
abgelehnt und nach den typischen Eigenheiten des Landes gefragt.
Langsam zieht sich eine gelbe Bahn durch die Brühe. Ich schiele auf
den Muschelberg neben mir und fühle, wie sich eine Träne der Wut
zwischen meine Wimpern setzt. Ökopolitisch korrekt essen, ist das
Dümmste, was man sich antun kann, will der salzige Tropfen mir sagen.
Aber ich ziehe mich zur Raison: Jetzt nur nicht losheulen. Du hast mehr
als diesen Schleim hier überstanden. Und bei dem Wort Schleim schiebe
ich mir bestätigend den Löffel in den Mund. Die Konsistenz ist die
gleiche, wie bei sudanesischem Spinat. Der wird so lange gekocht, bis
nur noch die grüne Farbe von seiner Herkunft zeugt. Ich versuche, die
Erinnerung zwischen den Zähnen zu zermalmen. Aber da ist nicht viel
Kaubares. Es flutscht mir den Rachen entlang und ich schlucke es mit
dem Gedanken an Bauchlappensuppe aus Peru herunter. Aber auch diese
Erinnerung bahnt sich den Weg in meine Geschmacksknospen. Und ich sehe
das Bild auftauchen, wie ich an den mit Neonreklame beleuchteten
Restaurants in Limas Straßen vorbei, in einen Hinterhof strebe. Die
zahnlose, alte Frau dort rührt in einem großen Topf. Ich verstehe
nicht, was sie sagt. Aber ihr lachendes Kopfnicken lädt mich ein, das
authentische Gericht zu probieren. Kurz danach hatte ich mich in den
interglobalen Fresstempel auf die Hauptstraße zurückgewünscht. Zwischen
fettleibigen Touristen mit glücklichen Gesichtern wollte ich sitzen und
einladende Hamburger, Schnitzel, Pommes und sogar Spaghetti in mich
hineinschmatzen. Und wenn es Mirakuli gewesen wäre- egal!
Die Portugiesen prosten mir zu. Fragen, wie es mir schmeckt und ob ich
bei Ihnen probieren will. Aber ich bleibe bei meiner Diät der
Authentizität. Obwohl mein Magen sich krümmt und gurgelt: Scheiß doch
auch darauf. Ich habe Hunger!
Mirakuli! Das war ein Essen, was ich als Kind schon verabscheute. In
diesem Moment aber kommt es mir vor, wie ein Gourmetgericht.
Bei anderen Kindern gab es Rouladen Zuhause, Eisbein und Leber. Sie
hatten ihre kochenden Mütter dafür gehasst. Ich aber liebte die
Hausmannskost mit Geschichte. Selbst Gekochtes kam bei uns aus der
Tüte, Dose oder der Pommesbude.
Hätte meine Mutter doch kochen können! - Ich müsste nicht um die Welt
reisen und Authentizität suchen.
Aber sie hatte Wichtigeres vor. Sie schwamm gegen den Strom. War
fortschrittlich, modern, rettete Leben im weißen Kittel und lehrte mich
den Blick auf das Wesentliche zu richten. Die Wahrheit hinter den
Dingen zu suchen, das war ihr Credo.
Die robuste Wirtin erlöst mich von meiner Pein und tauscht den Teller
gegen ein Gläschen Medronho. Wahrhaftigkeit ist halt nicht immer
bekömmlich. Der Schnaps betäubt wohltuend meinen Magen. Versöhnlich
grummelt er vor sich hin, während ich mir fest vornehme, das nächste
Mal mit der Masse zu schwimmen und nirgendwo eintauchen zu wollen. Oder
gleich zu Beginn einen Schnaps zu bestellen!

 

Portugisische Brotsuppe © 2014 Mariam Kurth. Alle Rechte vorbehalten.


Indien 2010

Nepal 2010

Rote Schuhe


In Köln gibt es ein Schuhgeschäft, das ist der absolute Wahnsinn.
Falls eine Frau noch nicht an einem Schuhtick leidet, gesetzt den Fall, so etwas gibt es tatsächlich, wird sie mit Betreten dieses Schuhgeschäfts augenblicklich infiziert.

Das einzige Gegenmittel, welches ich kenne, ist, die Eingangstür zu ignorieren. Oder sich der Tradition des Veda anzuschließen. Nach dieser Philosophie nämlich ist unsere Welt, inklusive Schuhe, reine Illusion. Wir müssen lediglich unsere ungenügende Wahrnehmungsfähigkeit stärken, um zu dieser erleuchteten Erkenntnis zu gelangen.

Nach etlichen Übungsstunden blitzte die Erleuchtung endlich auch vor mir hell auf. Ich erkannte, dass genau diese Ladentür der Eingang zum Nirvana meines Glaubens war. Hätte ich mir bloß ein One-Way-Ticket nach Bombay gekauft.
Seit zwei Jahren leide ich nun an dieser Dysfunktion meiner Impulskontrolle und pilgere bei jedem Kölnbesuch in die Schildergasse, um dort meiner Schuhleidenschaft hoffnungslos zu verfallen. Vor einem Monat hatte es
mich das letzte Mal gepackt. Fünfmal hatte ich versucht, aus dem Geschäft zu fliehen, ohne einen Einkauf zu tätigen. Ich habe mich meditierend vor dem Geschäft im Lotussitz niedergelassen. Aber das Einzige, was mir das
Om-Singen einbrachte, waren mitleidige Blicke und vereinzelte Zehn-Cent-Münzen in meinem Schoß, die mir die vorbeigehenden Shoppingmotivierten zuwarfen.
Der Geist war willig, doch das Fleisch war schwach und hielt dem Sog nicht stand, der mich immer wieder magisch in den Laden zurückzog, in den rechten Gang, nahe der Wand, zum hinteren Podest. Dort, wo die teuersten
Schuhe aneinandergereiht gralartig strahlten.
Wie eine Katze umschlich ich das Podest - den Blick auf ein Paar Schuhe gerichtet -, das jeden Gedanken, der mir noch das letzte verbliebene Stück real existierende Wirklichkeit meines Portemonnaies vorrechnete: “Njet, nein, Ebbe!”, vernichteten.
Zehn Zentimeter hoher, roter, purer Lack. Wozu, um alles auf der Welt, hat der liebe Gott den Menschen die Kreditkarte erfinden lassen.
Meine Hand schnellte vor, damit meine Gedanken sie nicht mehr niederkämpfen konnten, und berührte die glänzende Oberfläche des einen Schuhs. Wunderbares weiches Leder. Dem Urinstinkt eines Tieres folgend,
blähten sich meine Nasenflügel, als ich mein empfindlichstes Sinnesorgan in den Schuh schob und den Duft bis tief hinunter in meine Lenden sog. Der warme, erdige Geruch ließ die Gier in mir aufsteigen. Ich musste ihn sofort
anprobieren. Schnell streifte ich meine alten Schuhe ab und die Strümpfe gleich dazu. Meine Zehen kreisten verspielt auf dem kühlen Lack, bis ich sie sanft ihrer Reinkarnation entgegenführte. Wie eine zweite Haut umschloss das Leder meine sehnsüchtigen Füße. Zuerst leicht spannend dehnte sie sich mit jeder Bewegung ein wenig mehr aus, bis sie letztlich eins mit mir zu werden schien. Meine Beine zitterten vor Erregung. Einem jungen Fohlen gleich stakste ich durch den Raum, tänzelte über den weichen Teppich, der unter mir nachgab, während ich Schritt für Schritt die
Hacken in ihn hineinbohrte.
Als hätte ich morgens schon gewusst, dass mich dieses traumschöne rote Paar Schuhe erwartete, hatte ich eine blaue, enge Jeans angezogen, die nicht besser dazu passen konnte, wirkten doch nun meine Beine modelgleich fünfzig Zentimeter länger. Das Bild, das mir der Spiegel zeigte, war so perfekt, dass es einem Albtraum gleichgekommen wäre, sich dieser Schuhe wieder entledigen zu müssen.

Ich schwebte zur Kasse, zückte meine Visa und lächelte die Verkäuferin verträumt an, während sie den dreistelligen Betrag eingab und mich unterschreiben ließ.
Ich war meiner Sucht erlegen, die alten Schuhe lagen vergessen auf dem Boden, aber ich stolzierte glückselig mit meinen neuen roten Schuhen an den Füßen aus der Tür.
Das Klacken der Absätze führte mich durch die Gassen des Einkaufsviertels - jeder Blick in ein Schaufenster spiegelte meine Schönheit wider - und hielt vor einem Coffeeshop. Ich setzte mich, schlug meineClaudia-Schiffer-Beine übereinander, genoss die Blicke der Vorbeigehenden und bestellte mir, glücklich darüber, mir nie ein One-Way-
Ticket nach Bombay gekauft zu haben, einen Yogitee.

 

Rote Schuhe © 2011 Mariam Kurth. Alle Rechte vorbehalten.

Sinai 2008

Aix en Provence 2007

Sudan 2006

Kairo 2016